Tristan Marquardt: Berichte vom Ende der Fahnenstange

ist es vermessen, von diesen höfen zu sprechen?
Friederike Scheffler

(1)

der sprecher, zweifellos mehr medium als einfacher angestellter,
wirkt plötzlich reizbar, hat offenbar begonnen, aus seiner trance
zurückzukehren, und steht dabei schon mit einem bein im gefängnis.
sein bericht gilt einem im kuppelinneren angebrachten mikrofon,

einer art nervösem speicher, den jürgen rüttgers in bruchteilen
angereichert hat. sieben fette jahre, das speist die konferenz. sein
zellennachbar spürt das unterschwellig, vor der kuppel, eine schlange
bildend: sein grinsen ein bollwerk, er ist bereits informiert. wie jede

andere, so würde auch diese klausur neben der kongenialen archi-
tektur im diesseits ein fundamentales, zwölfseitiges zukunftspapier
benötigen, das an keiner stelle geändert werden darf. angenommen,
das medium veranlasst einen toast, und die anwesenden offenbaren

sich nach dem offiziellen teil der pressekonferenz als eine art bündnis,
dann träte der fall ohne umschweife ein. die mikrophone sind jetzt
stumm geschaltet. entspannung, quietschende stühle und räuspern…
einer der journalisten fingert an seinem notizbuch und schließt es

abrupt. stumm kommt rüttgers zu ihm geschlendert. das medium ist
nirgends zu sehen, aber er ist sich keineswegs sicher, ob es von ihm
verhaftet werden könnte. überhaupt sind nur männer zu sehen. rüttgers
bittet den journalisten, diese beobachtung in den bericht einzuarbeiten.

(2)

es muss in den gleichen zeitraum fallen. auf der herrentoilette hat
zyklisches treiben eingesetzt, eine type werkelt halbpatzig an ihrem
krawattenknopf, etwas muss im kaffee gewesen sein. fünf finger in
zupfhaltung, das ruhige, aufreibende geräusch von stoff auf stoff.

röhrenlicht, dann keins mehr. drinnen setzt sich im sicherheitstrakt
der station ein security über das rauchverbot hinweg, unsichtbar
jetzt, wobei das blut sich ohnehin hinter plastik befindet. wenn nur
der kühler noch liefe. vorstellung von zu warmem blut, intravenös,

obwohl die abwehrreaktion der patientin sich auch auf psychische
verfassung zurückführen ließe – nur was aus dem hund werden soll,
ganz ohne herrchen. leises wimmern, noch eine zigarette. die type
lässt das feuer in die tasche gleiten, sie hat sich in bewegung gesetzt,

vorbei am aggregat. unruhiges hantieren am krawattenknopf. wie kann
es sein, dass offenbar im ganzen gebäude der strom ausgefallen ist, und
dennoch dieser grelle, langgezogene ton in der luft steht. warten sie mal.
niemand wird jetzt irgendwelchen patienten blut verabreichen. stellen

sie sich vor, wie viel verletzungen sie sich allein auf dem weg zuziehen
würden. und wo das blut dann landet. die type hält inne. warum sie
ausgerechnet, wenn sie nichts hören kann, zu selbstgesprächen in
sie-form neigt. sie befühlt ihren körper auf spuren von veränderung.

wird fortgesetzt

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