Timo Berger: Das gefühlte Viertel

1

Freiwillig würde keiner von uns
Kuhhälften stemmen und schultern –
aber ganz auf Fleisch verzichten?
Die Zulieferer fallen ins Viertel ein
wie eine Plage, vor der man kapituliert:
Auf der Suche nach Essen, Aufmerksamkeit
oder einfach nur Wechselgeld gehen
wir zum Chinesen in der Mitte des Blocks;
Lee Chan raucht schwarze Parisienne
und bespricht sein Handy, während
sein dritter Arm vergleichsweise
günstige Preise in die Registerkasse tippt
flirtet er mit der Blonden, die sich in Flipflops
in den Minimercado von Chans Vater verirrt hat.
Hier ist die Arbeit international aufgeteilt:
an Rote Beete und Batate der Bolivianer,
ein Argentinier aus dem Chaco schneidet
das Rumpsteak von einem größeren Stück,
Die Käse- und Brottheke unter der Ägide
von Chans Schwester, der Cousin wischt
die Gänge zwischen den Gondeln, Chan steckt sich
eine Neue an und blinzelt, das Rolltor oben,
in hereinfallendes Licht, die Welt endet
auf dem Bordstein gegenüber, die Schmierereien,
politischer Kitsch oder unverstellter Rassenhass,
mal gegen die einen, mal gegen die anderen
und von 8 bis 22 Uhr an der Kasse:
Chan, den Blondi um Feuer bittet und Sekunden
lang verschmelzen ihre Hände im Versuch
gegen den Zug eine Flammenzeichen zu setzen.

II

Ich stehe auf der Calle Palma, es ist
Freitagnacht, die Bohemiens haben mich
vor meinem Hotel abgesetzt und hupen
setzten den Fuß aufs Gaspedal, ich winke
und schlage eine andere Richtung ein –
gen Hafen, vorbei am schwarzen Café,
hinter abgetönten Scheiben Mädchen
in Minirock, an der Kreuzung in Latex
geschlagenen Travestis, ein Minimercado,
einer der wenigen der noch nachts
in Asunción, Hauptstadt der Fiktion,
funktioniert: der Mastermind hinter
dem Tresen empfiehlt einen Wein
aus Chile – die Argentinier, die wir haben
reichen beim selben Preis nicht an sie heran…
Er selbst stammt aus Korea, eine Frau, die
der Uhrzeit nach zu schließen,
wohl seine Freundin ist, obwohl er
seine Zuwendung nicht offen zeigt,
sitzt auf einem Klappstuhl an der Wand
sie könnte aus der Neuen Welt sein
oder Asiens Süden, das kann man auch
auf den zweiten Blick nicht entscheiden,
die Art, wie sie ihn ansieht, ist freilich
schon auf den ersten eindeutig zärtlich.

III

Irgendwo da unten tanzt Rubén Rada
oder sein Doppelgänger, wer weiß´
das schon, der Beat ist korrekt, ja,
er überstürzt sich, wie es der Candombé
verlangt, drei-zwei, drei-zwei, drei-zwei
jemand staucht dir in den hintern, damit
du dich beeilst, ich kenne den uruguayischen
Karneval der Straßen nicht, nur die Zappler
auf der argentinischen Soliparty der Vereinigung
Venceremos (Wir werden siegen) einen Stein-
wurf von der Bahnstation Liniers entfernt
(die letzte vor der Provinz) – ein Haus,
ein halbiertes Hauses im Kolonialstil

Casa Chorizo – Wursthaus, weil es sich

So lang zieht durch zwei Hinterhöfe bis
Zur Lunge des Blocks, ein Baum auf einer
Wiese, doch vorher noch die Party, Fernanda
die meine Hände ergreift und die Cumbia
auf ihre Weise interpretiert, ein schepperndes
Synthiegedudel, mir kam es wie Discounter-

Musikvor, doch Fernanda sagte, Politik, das
Ist die Musik der Migranten und ich spürte
Nur ihre Hüften, ihre Schulter als wir
wechselten und uns drehten und uns
irgendwo da unten verloren ….

IV

Niemand wird auf seinem Weg
durch die Erkstraße zum Poeten
Nachts stehen der Flaschenmann
und die Schickse paralle
an der Haltestelle. Der eine
durchwühlt den Mülleimer,
die andere die Handtasche. Ihr Handy
zitiert digital verzerrt eine arabische
Weise. Der Chauffeur bremst scharf
vor Kioskklonen, es gibt überall dieselben
Angebote, Kassierer, die sich
am Kopierer als kurdische Dichter outen
Telefon, Kasino, Worldwideweb, Nightkauf deluxe
und dazwischen die in Öl ertränkten
Auberginen, ein Lahmacun, der wie
ein Hilferuf klingt und sich einrollt
in Alupapier gegen den Wintereinbruch
im Mai, die Sonne will nicht ausgehen
bleibt hinter Barrikaden, die Nachrichten
flocken wie Vulkanasche aus, die Tank-
stelle am längeren Ende der Allee
ein Treffpunkt für Kreditkartenbetrüger
und die Trinker, die man nicht zum ersten Mal
aus dem Zum Tiger warf, ich darf mir
den heutigen Abend nicht entgehen lassen,
es ist Bambule angekündigt, ein Aufmarsch
der Unzufriedenen, zumindest ein paar
Farbbeutel auf die lokale Lidlfiliale.

V

Ich war mir ziemlich unsicher mit dem Sichersein
Denn ich wollte mir ganz, ganz sicher sein

Und ich suchte und suchte und fand nicht mehr
Als ich sowieso schon wusste, da war nicht die
Eine Wahrheit, das waren viel War-heiten

VI

Diese Verwandtschaft der Ausfallstraßen, an der Peripherie
gleichen einander die tauben Schritte in ferne Quartiere

wie die rotweißkarierten Tischdeckchen im Stammitaliener
Dieser Tod auf Raten im Portmonee das Kupfergeld

das anderswo Aktien in die Höhe treibt, Chile
bebte und fand zur Contenance zurück: Wir liefern Euch Edles

Und in einem Anflug von Selbstüberschätzung
diese Übertretung der selbst aufgesetzten Regeln

die Flasche, die sich niemals leert, diese Suche nach der Form
der Versöhnung, Straßenecken, die für ein ganzes Viertel

stehen, die Sonne geht unter, und wir streifen die goldenen
Gesichter der Vorbeihetzenden, die Punks mit Spülwasser

und Wischer wollen einem Motorradfahrer die Blende waschen
Der Besitzer des Internetcafés raucht eine Selbstgedrehte

vor dem Geschäft seines Lebens, das Glück als Gedanke,
das mit dem Gedanken verschwindet in einen dunklen

Hinterhof, Krisengebiet an die Brandmauer gesprayt,
der Parkplatz aus Vorsehung leer, drei Stockwerke darüber

toben zu Unzeiten Partypeople im Ghettoschick – Paloma-
Bar und ein stadtbekannter DJ pitcht einen Track von den Kinks

hoch, Hands in the Air!, dieses Leben-Nicht-Leben,
dieses Aus-der-Provinz-Gekomme, die Nachtschichten

im Spätkauf, dieses Flirten mit der Bäckerin, seien wir ehrlich
der Verkaufskraft am Brötchentresen, die nach drei Caffè

Latte, die nach zwei Marzipancroissants und einem Acma
ihre Handynummer auf einen umgedrehten Nachverkehrsfahrschein

kritzelt, diese unmögliche Vereinigung der Gegensätze,
die für die Dauer einer Mittagspause möglich wird

Ich stehe vor der Entscheidung und falle natürlich wieder
in alte Muster, in eine Hymne, die keine Hymne sein will

in Solidarität mit der letzten Fachverkäuferin, in Verteidigung
der letzten Frequenzen, die gerade von der Bundesnetzagentur

versteigert werden, der Zugang zur Freizeit der Gedanken
ist mit Dornen gekrönt…

Jemand war sich schon beim Aufstehen zuviel

Jemand reichte einen Körper weiter

Jemand vertraute auf weiße Lügen

Jemand platschte bäuchlings in den Pool

(vorher musste er Hecken und Zäune überwinden

zur Optimierung der Situation)

Jemand war sich zeitweilig sicher, wir

brauchen ein Reset, right now.

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