Ann Cotten: Strahlen und Wissen

Strahlen und Wissen

Gibt es einen perfekten Titel? Konrad Bayer kam nahe dran und hat sich auch wohl die Flügel ordentlich gesengt, als er „Die Sonne brennt“ schrieb. (Drehbuch) Diesen Titel kann man eigentlich nur ganz klassisch verbessern, indem man ihn von den Auswirkungen einer gescheuerten Seele befreit, die dazu neigt, alles übelzunehmen. Der ohne angedeutete Polemik in sich selbst ruhende Titel lautet:

„Die Sonne scheint“.

Lassen wir uns eines besseren belehren. Weniger ist nicht immer gleich besser – das ist ein Trugschluss für Gerneweise. Stan Lafleur ist es nämlich gelungen, den scheinbar perfekten Titel noch zu verbessern. Bei ihm heißt es:

„Die Sonne scheint mit filigranen Punktdampfstrahlen“.

Es ist auch kein Titel mehr, sondern Teil eines Gedichts. Auch das ist Teil der Verbesserung. Es ist, als hätte man ein Krupp-Portrait genommen und in die Zahnräder gefüttert. Endlich ist was los! Und es gemahnt an Johann Wolfgang „So musst du sein, dir kannst du nicht entfliehen“ Goethe, von Anfang und Rhythmus her. Der Hörer fühlt sich wie ein voll gereinigter Jüngling, nackt, im in Stücken abgefallenen Weltenei aus Kompost, in Bewegung. Jetzt bist du nicht alleine in der Wüste ohne Wasser unter dem Einfluss der Sonne, wo alles in Ordnung ist außer dein persönlicher Komfort und es keinen Ausweg gibt, sondern in der gleichen Situation ist eine Lokomotive hinter dir her, und du weißt daher sofort, in welche Richtung du laufen musst, nämlich die Schienen entlang vor der Lokomotive her.

Warum ist das eine Verbesserung. Weil man darüber reden kann. Weil man darauf reagieren kann, weil Hoffnung bzw. eventuell Verzweiflung immerhin diskutabel sind. „Die Sonne scheint“ ist ein Totschlägerargument, übt den alten Trumpf der Abstraktion über konkrete Einzelheiten, der funktioniert, weil Abstraktion wie Effizienz aussieht. In Wirklichkeit hilft es der Sonne nicht, wenn jemand zusammenfasst, was sie tut. Auch den Beschienenen nicht. Wir sehen es auch nur aufgrund des Komposts. So ist es, Mann.

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