Franz Josef Czernin: Grenzerfahrung Poesie

Grenzerfahrung Poesie

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An einem Anfang, an einem Ende der Poesie oder auch mitten in ihr können Dinge für uns wechselseitig grenzenlos sein, weil zu Einem werden soll, was wir ansonsten zumeist unterscheiden. In manchen Naturgedichten etwa wird eine Melancholie mit Regenwetter oder einem bleichen Mond gleichgesetzt, oder auch ein Zorn mit Blitz und Donner; in Liebesgedichten soll es oft keine Grenze zwischen der Geliebten und einer Erinnerung an sie geben; und wenn bestimmte gesellschaftliche Verhältnisse Gegenstand literarischen Erzählens sind, dann sollen eben diese Verhältnisse selbst von den Figuren der Erzählung verkörpert werden: In Romanen Balzacs ist Baron Nucingen eine bestimmte Form des Kapitalismus des frühen neunzehnten Jahrhunderts. Auch akzeptieren wir – in grosszügigem suspence of disbelief – in einem Märchen, dass ein Frosch ein Prinz sein kann oder eine Rose eine Königstochter.
Diese wechselseitigen Grenzenlosigkeiten finden sich auf der Ebene des Dargestellten, dessen also, worauf man sich durch einen Text bezieht. Und ihnen liegt, wie ich glaube, eine für das Lesen von Literatur fundamentale Grenzenlosigkeit zugrunde, die gerade in der lyrischen Dichtung häufig auf wirksame Weise zu erfahren gegeben wird: jene von Sprachlichem, Begrifflichem bzw. Gedanklichem und den Gegenständen des Textes – und somit die grenzenlose Einheit von Dingen, die zumeist kategorial streng voneinander abgegrenzt werden. Denn wenn wir von einer Rose lesen, dann unterscheiden wir die Rose selbst zumeist nicht vom Rosenwort (dem Klang, der Schrift), und dieses auch nicht vom Rosenbegriff, den wir auch nicht von unseren Vorstellungsrosen trennen. Diese Dinge grenzen wir zumeist erst in einer Reflexion unseres Lesen voneinander ab: a rose is a rose is a rose sagt Gertrud Stein, und vielleicht werden wir beim Lesen dieses Satzes erst darauf aufmerksam, dass wir Rose, Rosenbegriff, Rosenvorstellung und ein Rosenwort gleichsam zur Rose der Rose werden lassen können. Und da dies zumeist unmerklich und als die selbstverständlichste Sache der Welt geschieht, erkennen wir häufig gar nicht, dass diese Grenzenlosigkeit viel märchenhafter und phantastischer ist als jene zwischen Fröschen, Prinzen, Rosen und Königstöchtern. Und dennoch ist, wie ich glaube, diese dem Lesen eigene Grenzenlosigkeit wesentlich auch für jene hochpathetische Erfahrung von Schönheit, durch die wir (nach August von Platen), wenn nicht dem Tode, so doch der Poesie anheimgegeben sind, so dass wir – wenigstens während des Lesens – für keinen Dienst auf Erden taugen.

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An einem anderen Anfang, an einem anderen Ende der Poesie oder mitten in ihr ist auch das Begrenzte: Die Poesie eines Naturgedichts beruht auch auf der Unterscheidung einer Melancholie und dem ihr gleichgesetzten Regenwetter oder Mond, oder auch darin, dass wir eher mit der Möglichkeit spielen, Blitz und Donner für einen Zornesausbruch zu halten, als ernsthaft daran glauben; und auch die in einem Gedicht dargestellte Ununterscheidbarkeit einer Geliebten von einer Erinnerung an sie nehmen wir nicht unbedingt für bare Münze, ebensowenig wie die bruchlose Einheit von gesellschaftlichen Verhältnissen und der Figur des Barons Nucingen. Und dass der Begriff des Märchens Fiktives oder Phantastisches geradezu impliziert, bezeugt nur die Wirksamkeit unserer Annahme, in Wirklichkeit sei die Grenze zwischen Fröschen und Prinzen, Rosen und Königstöchtern unüberwindlich vorgegeben.
Doch auch diesen wechselseitigen Begrenzungen auf der Ebene des Dargestellten, dessen, worauf man sich durch einen Text bezieht, liegen fundamentale Begrenzungen zugrunde; und auch diese sind, wie ich glaube, in der lyrischen Dichtung besonders häufig zu erfahren gegeben: Die Rose, so kann uns gerade ein Gedicht erfahren lassen, ist nicht der Begriff der Rose und dieser ist auch nicht eine Rosenvorstellung, die wiederum nicht das Wort „Rose“ ist. Und wer sagt, dass die Erfahrung jener fundamentalen Begrenztheit auch in der Poesie nicht ebensosehr eine hochpathetische Schönheitserfahrung auslösen kann wie die des Grenzenlosen?
Für Mallarmés Poesie bedeutet das Wort „Rose“ auch die „l´absence de toute rose“, die Abwesenheit der ganzen Rose, und damit kann in seiner Poesie auch die dramatische Erfahrung einer Freiheit wie eines Verlusts als schön erfahren werden. Wechselseitige Begrenzung und damit der Getrenntheit zwischen den erwähnten Rosendingen kann uns auch als, wenn nicht schöne, dann doch erhabene Darstellung des Zerstückens erscheinen, so dass ein orpheisches Lesen in jedem Gedicht aufs Neue seine Zerstückelung wiederfindet. Auch scheint in der Arbitrarität der Beziehungen zwischen den begrenzten Dingen schon die ganze babylonische Verwirrung stattzufinden, das Chaos allen Missverstehens. Doch wenn man Friedrich Schlegel trauen kann, dann entspringen Poesie und Schönheit gerade aus diesem Chaos. Und ist man nicht schon mitten im schönsten Märchen, wenn einem dabei Rosen, da sie eben Worte sind, wie die berühmten modrigen Pilze im Munde zerfallen und die Dinge dabei abhanden kommen? Dass wir diese Begrenzungen zumeist als weniger märchenhaft oder phantastisch annehmen als Grenzenlosigkeiten, etwa als die Nichtunterscheidbarkeit von Fröschen, Prinzen, Rosen und Königstöchtern, ist vielleicht nur unseren Gewohnheiten und der mit ihnen verbundenen Phantasiearmut zuzuschreiben – gerade angesichts von Gedichten: Alles soll uns wieder Märchen werden, fordert Novalis.

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Ein Frosch kann sich, wenn wir darüber lesen, als Prinz, eine Rose als Königstochter herausstellen, nicht anders als sich für einen Astronomen der Morgenstern als identisch mit dem Abendstern herausstellt. Der erwähnte suspence of disbelief lässt uns aber zugleich stillschweigend annehmen oder fühlen, dass nur in einem literarischen Text ein Frosch ein Prinz oder eine Rose eine Königstochter sein kann. (Anders als der Abendstern, der auch jenseits von Texten der Morgenstern ist.)
Doch mit der fundamentalen wechselseitigen Grenzenlosigkeit von Rosenwort, Begriffsrose, Rosenvorstellung und der Rose selbst, – die zu einem einzigen Gegenstand, gleichsam zur Rose der Rose werden – verhält es sich doch etwas anders. Denn diese Grenzenlosigkeit können wir tatsächlich erfahren, wenn und während wir mit Sprache umgehen, da wir zum Beispiel ein bestimmtes Gedicht lesen. Wenn wir hier dennoch – und dies nur in einem anderen Lesen – einen suspence of belief ausüben, so müssen wir dabei unserer eigenen Leseerfahrung für unglaubwürdig halten, in der es eben in manchen Augenblicken keinen Unterschied gibt zwischen Rosenwort, Begriffsrose, Vorstellungsrose und der Rose selbst.
Doch dasselbe Gedicht lesend können wir auch die Grenzen zwischen jenen so unterschiedlichen Rosendingen erfahren. Welcher dieser Erfahrungen sollen wir dann aber trauen, da wir doch beide machen, ob nun auch im selben Leseaugenblick oder nicht? Warum sollen wir – wenigstens wenn wir es mit Poesie zu tun haben – dem suspence of belief nicht auch hinsichtlich dieser Erfahrung wechselseitiger Begrenztheit folgen?
Dass die beiden Erfahrungen widerstreitend sind, kann uns – in einer für das Lesen von Poesie charakteristischen Weise – in Bewegung setzen: Vielleicht sind wir dabei abwechselnd den widerstreitenden Erfahrungs-Extremen ausgeliefert, oder wir oszillieren zwischen ihnen, dabei einen Regenbogen von Abstufungen oder Übergängen, eine Skala von Verwandlungsmomenten hervorrufend. Angezogen beispielsweise von jenem Augenblick des Grenzenlosen übertragen wir die einander begrenzenden Gegenstandsarten aufeinander: Die materielle Rose auf ihren Begriff – als könnte sich eine res extensa in Rilkes Weltinnenraum verwandeln –, den Begriff auf das Wort „Rose“ (die Schrift, den Klang), diesen auf Rosenvorstellungen, die wiederum mit der materiellen Rose oder ihrem Begriff verglichen werden können. Andererseits, angezogen von dem widerstreitenden Leseaugenblick entsprechender Begrenzungen, kann sich auch das umgekehrte Spiel entfalten: Die grenzenlose Einheit wird verlassen, Akte des Begrenzens finden statt, da jenes Grenzenlose sich in unterschiedliche Dinge aufspaltet: Die Rose ist dann etwas anderes als ihre Vorstellung, die Vorstellung etwas anderes als ihr Begriff, der Begriff etwas anderes als Wortlaut oder Schriftwort: a rose is not a rose is not a rose – Gertrud Steins Satz hätte vielleicht auch so lauten können.
Und diese widerstreitende Leseerfahrung von Begrenzung und Grenzenlosem, woher rührt sie und worauf läuft sie hinaus? Rührt sie überhaupt von etwas Wirklichem her, läuft sie auf etwas Wirkliches hinaus? Ist es wirklich nur das endlose Verhältnisspiel der Poesie, ihres Lesens, dem wir hier anheimgegeben sind, oder zeigt sich darin, wie Novalis in seinem Monolog vermutet, das seltsame Verhältnisspiel aller Dinge, nicht allein der erlesenen? Kann sich im Lesen von Poesie etwa auch zeigen, dass Grenzenlosigkeit und Begrenzung
gleichursprünglich sind – und dies hinsichtlich aller Dinge? Und wenn dem so wäre: Was hat es dann zu besagen, dass wir – so wir die Schönheit angeschaut mit Augen – dem Tode schon anheimgegeben sind, da der Tod und sein Gegenteil, das er und das ihn begrenzt, auch in ihrer wechselseitigen Grenzenlosigkeit erfahren werden könnten?

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